Proteste gegen Gauck
Bundespräsident soll beim Gedenktag für die Befreiung der Niederlande sprechen. Doch Deutschland schützt bis heute Naziverbrecher
Gerrit Hoekman
Bundespräsident Joachim Gauck soll am heutigen Samstag in Breda als erster Deutscher, ja als erster ausländischer Politiker überhaupt, die Rede zum »Bevrijdingsdag« halten, an dem die Niederlande traditionell das Ende der
deutschen Besatzung 1945 feiern. Die Einladung sei, so heißt es in DenHaag, ein persönlicher Wunsch von Königin Beatrix gewesen, die damit ein Zeichen der Versöhnung zwischen den Nachbarländern setzen wolle. Thema der
Feier soll in diesem Jahr Gaucks Steckenpferd sein, die Freiheit.
Doch längst nicht alle Niederländer begrüßen den Besuch des Bundespräsidenten. Überlebende des Holocaust und ihre Unterstützer haben gefordert, Gauck wieder auszuladen, sofern er nicht als »Gastgeschenk« einen Auslieferungsbescheid für den Naziverbrecher Klaas Carel Faber mitbringt. Dieser lebt seit Jahrzehnten unbehelligt in Ingolstadt. Im Internet machen Opferverbände seit einigen Wochen mit der Aktion »Gauck
niet, Faber wel!« (»Gauck nicht, Faber schon«) gegen den Besuch des deutschen Staatsoberhaupts mobil.
Beim Simon-Wiesenthal-Zentrum, das in der Vergangenheit schon viele Altnazis aufgespürt hat, steht Faber auf dem zweiten Platz der Liste der meistgesuchten Nazikriegsverbrecher. Der im holländischen Haarlem geborene 90jährige war wie auch sein Bruder Pieter kurz nach dem Krieg in den Niederlanden wegen mehrfachen Mordes an Juden und Widerstandskämpfern zum Tode verurteilt worden. Die Faber-Brüder seien »zwei der schlimmsten
Verbrecher der SS« gewesen, stellte das Gericht damals fest.
Carel Faber war einer der ersten Niederländer gewesen, die nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die SS eintraten. Stationiert war er im Durchgangslager Westerbork, in dem unter anderem Anne Frank interniert war, bevor sie in die Gaskammern von Bergen-Belsen deportiert wurde. Faber soll
in Westerbork Dutzende Juden und Kommunisten erschossen haben. Gegen Ende der deutschen Besatzung gehörte er dem Exekutionskommando »Feldmeijer« an, das brutal gegen den niederländischen Widerstand vorging.
Während Pieter 1948 tatsächlich hingerichtet wurde, wurde Klaas Fabers Strafmaß in der Berufungsverhandlung auf lebenslänglich reduziert. 1952 gelang ihm gemeinsam mit sechs anderen SS-Männern die Flucht aus dem Gefängnis von Breda. Er entkam damals durch den Kohlenkeller, als die
Mithäftlinge einen Film mit Heinz Rühmann schauten. Ein draußen wartendes Auto soll ihn über die deutsche Grenze gebracht haben, wo man ihn der niederländischen Presse zufolge überaus freundlich willkommen hieß.
Seither versuchen die niederländischen Justizbehörden Faber wieder in die Hände zu bekommen. Vor zwei Jahren erließen sie einen internationalen Haftbefehl und beantragten in Deutschland Fabers Auslieferung. Politiker
wie der Chef der niederländischen Sozialistischen Partei, Emile Roemer, haben die Angelegenheit am Kochen gehalten, bis jetzt jedoch ohne Erfolg.
Deutschland weigert sich hartnäckig, den Verurteilten an Den Haag zu überstellen, weil dieser als ehemaliger SS-Mann die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten habe. Grundlage dafür ist ein »Führererlaß« von 1943, den der Bundesgerichtshof nach dem Krieg auch für die BRD als
bindend beurteilte. Eine Auslieferung deutscher Staatsbürger ins Ausland wird vom Grundgesetz ausdrücklich untersagt.
Anfang 2012 kam auf Druck der Niederlande allerdings wieder Bewegung in die Sache. Die deutsche Staatsanwaltschaft hat beim Landgericht Ingolstadt
beantragt, daß Faber seine Strafe in Deutschland absitzen soll. Seither sind wieder vier Monate ins Land gezogen. »Bis jetzt ist nichts entschieden, rufen Sie in zwei Wochen nochmal an«, vertröstete Gerichtsvizepräsident Paul Weingartner am Montag auf jW-Nachfrage. Ob Faber jemals ins Gefängnis kommt, ist ohnehin fraglich, denn der Greis dürfte haftunfähig sein. Seine Opfer hatten weniger Glück.
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